Oliver Wejwar

Pop - Musical - Rock - Oper - Operette

Gesangspädagoge

VITA

Ich glaube, dass sich kein Leben in einen tabellarischen Lebenslauf zwängen lässt- deshalb so:

 

Vom Hobby zum Beruf und die Eltern zum Schwitzen bringen

 

In der Nähe von Stuttgart erblickte ich 1981 das Licht der Welt und wuchs musikalisch auf. Im Kinderchor war ich das Kind mit dem größten Himbeerbonbon- Verbrauch (die sollten eigentlich zwecks Artikulationsübung immer zwischen den Zähnen bleiben). Mit sechs Jahren begann mein erster Geigenunterricht und Musik war ein relativ selbstverständlicher Begleiter während meiner Schulzeit. Ebenso wie die Theatergruppe an der Schule. Meine Eltern waren ziemlich nervös, weil ich immer nur das eine wollte: Auf die Bühne.

Mit 16 Jahren bewarb ich mich einfach beim Schauspielhaus des Staatstheaters Stuttgart. Niemand rechnete damit, dass ich zum Casting eingeladen wurde und die nächsten drei Jahre in zwei Jugendstücken („Rulaman“, „Vorstadtkrokodile“) und meinem ersten Musical („Der Zauberer von Oz“) Profi- Theaterluft schnupperte.

 

Ein Besuch bei „Cats“ und „Phantom der Oper“ in Hamburg waren dann maßgebliche Auslöser, dass ich privaten Gesangsunterricht nahm und mit dem Tanzen anfing. Die Vielseitigkeit des Genre Musical hatte mich überzeugt. Neben meinem Zivildienst kämpfte ich um einen der wenigen Studienplätze an einer der staatlichen Musikhochschulen. Meine Hartnäckigkeit hatte sich bezahlt gemacht und im September 2003 begann mein Musicalstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Von nun an hieß es für meine vier Kommilitonen und mich: Fünf Jahre Schwitzen, Lachen, Weinen, Kämpfen, Scheitern, Lernen und Wachsen. Über sich selbst hinaus wachsen. Klingt kitschig- ist aber so. Und ich hatte keinen blassen Schimmer, was da noch so alles auf mich zukommen würde...

Ungeplant

 

Ich liebte meinen Gesangsunterricht und hatte viele Fragen. Die Antworten und Bilder („Jetzt stell Dir mal vor in Deinem Mund geht ein Regenschirm auf“) reichten mir nicht aus. Ich wollte wissen, wie mein Instrument funktioniert. Zudem machte mich die strikte Trennung zwischen E- Musik (Klassik) und U- Musik (Popularmusik) , die leider bis heute im deutschsprachigen Raum herrscht, wütend. Die sture Ansicht, klassische Sänger klingen gesund und Popsänger bekommen Stimmprobleme konnte ich nicht teilen und entschloss mich dazu, zusätzlich Populargesangspädagogik zu studieren. Aufräumen mit den Vorurteilen.

 

Neben dem Unterricht hatte ich das Glück, in Hochschulproduktionen („Into the woods“, „Akte Romeo“, „Company“) und an Stadttheatern („Jesus Christ Superstar“, „Les Misérables“, „My Fair Lady“) sowie als Solist bei Musicalgalas im Gewandhaus oder beim Operettenball Leipzig sammeln zu können und nahm mein neues Studium sehr ernst und wichtig: Vorlesungen in Psychologie, Musikpädagogik oder elementarer Musikpädagogik gehörten genau so dazu, wie die ersten Unterrichtsversuche oder stundenlange Diskussionen über Belting im Methodikunterricht.

 

Mein erstes Mal one to one

 

Nervös war ich. Da kommt gleich ein Mensch zur Tür rein, dem Du erklären musst, wie das jetzt funktioniert, das Singen. Du musst sehen, wie es der Person gerade geht, musst rausfinden, was ihr Problem ist und wie man es schnellst- und bestmöglich lösen kann.

Und dann startete ich einfach und fing an zu probieren, zu hören, zu fühlen und zu verstehen. Zudem begann ich auch, mich selbst als Sänger ganz anders wahrzunehmen.

Nach ein paar Wochen wurde ich nicht nur von meinen Kommilitonen immer öfter um vokalen Rat gefragt und konnte helfen, bald unterrichtete ich auch Opernstudenten und Schauspielstudenten, aber auch Menschen, die das letzte Mal im Kindergarten gesungen hatten.

Bis zu diesem Zeitpunkt wollte ich nichts anderes als auf der Bühne stehen, entdeckte aber plötzlich, dass es noch viel mehr als das gab. Ein Talent, mit dem ich nie gerechnet hätte-Und dieses Talent, die Arbeit an der menschlichen Stimme- unabhängig von Musikstil- erfüllte mich sehr.

 

Bye Bye Leipzig

 

Die Vorbereitungen für mein 60-minütiges Soloprogramm (basierend auf dem Stück Psychose 4.48 von der englischen Autorin Sarah Kane), das neben Tanz- Schauspiel-Repertoire- Jazzimprovisationsprüfungen den Abschluss meines künstlerischen Studiums bildete, liefen auf Hochtouren. Ebenso schrieb ich meine Diplomarbeit mit dem Titel „ Die Auswirkungen des Beltings auf die Stimme des Musicaldarstellers“. Heute bin ich stolz, dass es diese Arbeit ins feste Repertoire der Hochschulbibliothek geschafft hat. Und immer wieder ging ich zu Auditions. Und so kam es, dass ich mit zwei Diplomen in der Tasche ein Engagement bei den Vereinigten Bühnen Wien antrat und sechs Mal die Woche auf der Bühne des Raimundtheaters im Musical „Rebecca“ auf der Bühne stand.

 

Wien ist anders

 

Die Anforderungen an Musicaldarsteller sind hoch. Täglich sowohl stimmlich und körperlich fit zu sein erfordert immer wieder viel Disziplin und ich konnte bei „Rebecca“ lernen, wie sich das anfühlt, wenn man jeden Tag auf der Bühne steht. Ich hatte wundervolle Kollegen und wir sind oft gemeinsam an die Grenzen gegangen, manchmal auch darüber. Ich stellte mir in dieser Zeit oft die Frage, warum Leute immer wieder Stimmprobleme hatten und wollte als Gesangspädagoge Zusammenhänge verstehen. Und ich bemerkte auch die Schattenseiten des Darstellerlebens: Keine Zeit für Freunde, die tagsüber arbeiteten und abends, wenn ich arbeitete, zu Hause waren. Kollegen, deren jahrelangen Fernbeziehungen in die Brüche gingen und ganz wichtig: Angst vor Einsamkeit und nirgendwo zu Hause zu sein, sein ganzes Leben nur Koffer zu packen. Ich entschied mich daher, in Wien zu bleiben und reiste nicht weiter.

Der beste triple venti hazelnut skinny cappuccino

 

Ich habe während meiner Zeit bei „Rebecca“ immer unterrichtet, auf meine Fragen an die moderne Gesangspädagogik gab es meist die besten Antworten aus den USA und Großbritannien. Andererseits wollte ich ein festes Gehalt auf dem Konto und bewarb mich kurzerhand bei Starbucks um den schiefen Blicken und dem Kommentar „Dann hätten Sie mal was Richtiges gelernt“ beim Arbeitsmarktservice zu entkommen. Was erst als Übergangslösung geplant war, wurde eine erfüllte Zeit mit einem Team, das aus den wundervollsten Persönlichkeiten bestand und ich lernte viel über Menschen in den außergewöhnlichsten Situationen, wie man mit größtem Stress trotzdem gut arbeiten und dabei noch lächeln kann, was Hygienestandard und Cashmanagement bedeuten, wie man mit Beschwerden umgeht und nach 16 Sekunden ohne Worte erkennen kann, was ein Kunde will. Schnell wurde ich zum Shift Supervisor befördert und neben meinen 40 Stunden bei Starbucks wuchs meine Gesangsklasse (auch dank der in Wien funktionierenden Mundpropaganda). Ich bildete mich weiter, las unzählige Bücher über Gesangstechnik aus Großbritannien und den USA, nahm Webinars bei Gillyanne Kayes und Jeremy Fisher (London) und war gezwungen, die Stunden bei Starbucks zu reduzieren.

 

Im Juli 2012 bekam ich einen Anruf von Stage Entertainment, man bat mich, im Stage Palladium Theater in Stuttgart nochmals für vier Monate in „Rebecca“ zu spielen. Ich nahm unbezahlten Urlaub, spielte Mittwoch bis Sonntag sieben Shows in Stuttgart, flog montags zurück nach Wien, unterrichtete meine Studenten und flog mittwochs wieder zurück. Ich unterrichtete auch in Stuttgart einige meiner Kollegen und wusste- so vielseitig diese Zeit auch war- dass ich eine Entscheidung treffen musste. Bühne oder Unterrichten. Und ich entschied mich für das Unterrichten.

MIAU, BÄH, I-AHHH

 

Ich hatte zu der Zeit in Wien bereits so viele tolle Menschen in meinem Unterricht, dass ich beschloss, bei Starbucks zu kündigen und mich selbständig zu machen. Ich arbeitete mit Schauspielern, Musicaldarstellern, Pop- Rock- und Punksängern und Hobbysängern im Alter von sieben bis 73. Ich sammelte wertvolle Unterrichtserfahrung- wendete neue Erkenntnisse aus der aktuellen Stimmforschung immer mit Erfolg an und versuchte einfach, nie stehen zu bleiben und selbst immer weiter zu lernen.

 

Auf Anraten meines Bruders Julian, der in Glasgow Musical studierte und enorme stimmliche Fortschritte machte, besuchte ich einen Kurs im Estill Voice Training und konnte nach einem Jahr Arbeit das Certificate of Figure Proficiency in meinen Händen halten. Nie zuvor hatte ich ein so klares Bild vom Kehlkopf und die Fähigkeit, sofort zu erkennen, wo das Problem des Studenten liegt. Dafür bin ich Jo Estill, einer Pionierin in der modernen Stimmforschung, sehr dankbar. Sie entwickelte ein wissenschaftliches Modell, das es Sängern, Sprechern, Gesangslehrern und Logopäden ermöglicht, präzise zu diagnostizieren, was im Kehlkopf und auch im Körper verbessert werden kann. Estill wird in den USA, Großbritannien und Australien erfolgreich sowohl für Broadwaystars als auch in der Stimmtherapie eingesetzt. Es ist Bestandteil der Gesangsausbildung an vielen Musikuniversitäten und macht das Tourleben vieler Pop- und Rockstars einfacher oder ermöglicht es Opernsängern mühelos die anspruchsvollsten Partien zu singen.

Ich verwende die einzelnen wissenschaftlichen Figuren aus dem Estill Voice Training nicht nur, weil sie schnell durch präzises Training nachhaltige Erfolge bei meinen Studenten zeigen, sondern weil die Studenten befähigt werden, selbst zu fühlen und zu analysieren, wo das Problem liegt und auch mehr Bewusstsein für den Lebensstil und die Stimmgesundheit zu entwickeln. Ich halte nichts davon, wenn man von seinem Gesangslehrer abhängig ist, man sollte die Kontrolle über sein Instrument selbst haben und fühlen lernen, wann man etwas richtig und falsch macht.

Das Bewusstein für Stimmgesundheit sehe ich für jeden Sänger, Schauspieler, Sprecher, Call Center Agent, Lehrer, Anwalt (für jeden Menschen, der seine Stimme täglich mehr als fünf Stunden professionell benötigt) als wichtigstes Gut an in der schnellebigen und immer höhere Anforderungen stellenden Welt. Daher achte ich täglich darauf, immer auf dem neuesten Stand zu sein. Workshops (u.a. Bei Tom Burke, NYC und Mary Klimek, Boston) gehören dazu ebenso zu meiner Weiterbildung wie das Lesen von moderner Literatur aus der Gesangspädagogik.

 

 

HORIZONT ERWEIERN

 

Als Künstler setze ich mich sehr dafür ein, dass modernes und englischsprachiges Repertoire auf die Bühne kommt. Musical ist mehr als „Elisabeth“, „Mozart“ und „Rebecca“. Besonders in den USA gibt es viele talentierte junge Komponisten, auf die wir in Europa mehr achten sollten. Zuletzt stand ich daher mit dem Programm „Songs of Love and Life“ mit Songs von Komponisten wie Jason Robert Brown, Scott Alan, Kerridan&Lowdermilk und Adam Gwon auf der Bühne. Zudem war ich Teil der österreichischen Uraufführung der Musical Revue „It´s only life“ des Komponisten John Bucchino und werde mich für dieses Repertoire aktiv weiter einsetzen.

 

 

WO BIN ICH HEUTE?

 

Als Gesangs- und Songinterpretationslehrer unterrichte ich heute in meinem privaten Studio im 6. Bezirk Musicaldarsteller, Pop-und Rocksänger, Schauspieler, Sprecher, Hobbysänger jeden Alters und Kinder und Jugendliche, die eine Musicalausbildung anstreben. Ebenso bin ich oft gefragt als Trainer für Vorträge und Präsentationen. Viele meiner Studenten stehen auf den großen Bühnen, sind in Film und Fernsehen tätig oder als Jazz-, Pop- und Rocksänger unterwegs. Die effiziente Vorbereitung auf Aufnahmeprüfungen hat meine Studenten von München bis London an alle namhaften Ausbildungsstätten gebracht- unabhängig vom Genre.

 

 

Die Arbeit mit Studenten an Musikhochschulen sowie Ausbildungsstätten für Schauspiel und Musical macht mir ebenso viel Freude wie der one-to- one Unterricht.

Meisterklassen in Gesangstechnik, Songinterpretation und Auditiontraining führten mich daher an renommierte Institutionen, unter anderem an die Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (i pop) und die Musicalschule in Freiburg.

 

Sänger, die unterwegs sind und vokalen Rat brauchen, betreue ich auch gerne mit Skype- Unterricht.

 

Die Entwicklung der menschlichen Stimme ist nicht nur der kreativste Prozess, den man sich vorstellen kann, sie zieht auch immer eine Entwicklung der Persönlichkeit mit sich und für mich gibt es nichts Schöneres, die unterschiedlichsten Menschen auf dieser Reise zu begleiten. Jeden Tag. Minute für Minute. Und so ist etwas entstanden, das ich nie für möglich gehalten hätte. Denn eigentlich wollte ich ja immer nur eins: Auf die Bühne.

Copyright by Julian Wejwar